Fernwasser für Sangerhausen

Vor dem Hintergrund anhaltender Diskussionen zur Rohwasserqualität hat sich die Verbandsversammlung des Wasserverbandes Südharz im Dezember 2013 entschlossen, weite Teile des Verbandsgebietes  einschließlich der Stadt Sangerhausen künftig mit Trinkwasser aus dem Fernwassersystem Elbaue-Ostharz zu versorgen. Die Versorgungsumstellung ist für Ende August 2018 geplant. Welches Wasser dann aus den Sangerhäuser Hähnen fließt, erfahren Sie in dieser ausführlichen Reportage. Die Lesezeit beträgt etwa 10 Minuten.

Die Herkunft des Wassers

Das Rappbodetalsperrensystem aus der Luft

Nebel steigt auf über der großen Fläche der Rappbodetalsperre. Eingebettet in die Höhenzüge des Harzes, umgeben von Wald, soweit das Auge reicht, ist ihr Ende nicht zu sehen. Wir stehen auf der Talsperrenkrone, und schauen gebannt auf das morgendliche Schauspiel der Natur. Joachim Schimrosczyk, Geschäftsbereichsleiter Bau, Betrieb und Überwachung beim Talsperrenbetrieb des Landes Sachsen-Anhalt, erklärt: „Mit einem Wasserkörper von 109 Millionen Kubikmetern ist die Rappbodetalsperre eine der größten deutschen Trinkwassertalsperren. Selbst in Zeiten lang anhaltender Trockenheit können wir der Fernwasserversorgung Elbaue-Ostharz GmbH ausreichend hochwertiges Rohwasser für ihre Trinkwasseraufbereitung bereitstellen.“ Und als wir auf die Qualität des Wassers zu sprechen kommen, ergänzt er: „Die Talsperre liegt inmitten der Natur. Dreiviertel des 274 Quadratkilometer großen Einzugsgebietes ist mit Wald bedeckt, der Wasserspeicher ist also kaum menschlichen Einflüssen ausgesetzt. Das ist der Grund für die ausgezeichnete Rohwasserqualität.“

Die Rappbodetalsperre ist das Herzstück eines Systems, das aus mehreren Sperren besteht. Bevor das Wasser hier zusammenströmt, gelangte es über unzählige kleine Bächen und Flüsse in die Vorsperren Hassel oder Rappbode oder in die Überleitungssperre Königshütte. Dort hatte es bereits Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen und einen Großteil seiner mitgeführten Sedimente abzulagern.

Direkt neben uns ragen zwei Betontürme ins Wasser. “Das sind die sogenannten Entnahmetürme. Jeder der Türme hat sechs große Öffnungen verteilt über 50 Meter Tiefe, aus denen Wasser entnommen werden kann.“, so Joachim Schimrosczyk. Die Entnahmetiefe wird von der Wasserqualität bestimmt und die ist je nach Jahreszeit und Wetter unterschiedlich. Peitschen Herbststürme das Wasser auf und wirbeln es bis in tiefe Schichten durcheinander, sucht man möglichst weit unten nach ruhigeren Anteilen. Und auch im Sommer, wenn viel Licht auf den Wasserkörper fällt und sich die oberen Schichten deutlich erwärmen, ist es in der Tiefe kalt und dunkel - ideal für ein gutes Rohwasser.

Aus den Entnahmeöffnungen fließt das Wasser in den Rohwasserstollen, der das drei Kilometer entfernte Wasserwerk Wienrode unterirdisch mit der Talsperre verbindet. Der Stollen wurde in den frühen 50er Jahren bergmännisch vorangetrieben und mit einer Verrohrung auskleidet. Seit dem wurde er erst einmal außer Betrieb genommen - 2015, um seinen Zustand zu kontrollieren.

Im Wasserwerk

Frank Schrader bei der Entnahme einer Wasserprobe aus der Rappbodetalsperre

Bis zu 7.500 Kubikmeter Rohwasser, also etwa 110 große Schiffscontainer voll Wasser können pro Stunde auf diese Weise ins tiefer gelegene Wasserwerk gelangen. Hier wird dem Rohwasser Aluminiumsulfat zugesetzt, ein Flockungsmittel, das das “Zusammenklumpen” von organischen Bestandteilen wie Algen fördert. Nur diese Flocken sind groß genug, um im nächsten Schritt auch in den Sandfiltern des Wasserwerkes hängenzubleiben.

An dieser Stelle kommt Frank Schrader ins Spiel. Der Probenehmer der Fernwasserversorgung Elbaue-Ostharz GmbH ist ebenfalls auf der Mauerkrone der Talsperre unterwegs, wo er mit Hilfe einer Sonde eine Rohwasserprobe entnommen hat. Im Labor wird daraus ein Tiefenprofil erstellt und die Zusammensetzung des Rohwassers bestimmt. So weiß man, wie hoch der Anteil an gelösten organischen Kohlenstoffen ist und kann mit diesem Wissen die genaue Dosierung des Flockungsmittels einstellen. Manchmal ist dann auch die Zugabe eines weiteren Flockungshilfsmittels notwendig, um die Flockenbildung zu unterstützen und zu beschleunigen.

In der Wasserwirtschaft gibt es ein Credo, das sogenannte Minimierungsgebot, das sogar in der Trinkwasserverordnung verankert ist. Es besagt, dass man von jedem Stoff nur so wenig wie möglich einsetzen darf, aber so viel wie nötig.

Blick in die Filterhalle des Wasserwerkes Wienrode

Aber zurück ins Wasserwerk. Inzwischen ist das Rohwasser aus der Talsperre in der Filterhalle angekommen, die das Kernstück des Wasserwerkes bildet. In einem riesigen Raum reihen sich 48 Sandfilter aneinander. Jeder hat eine Grundfläche von 48 Quadratmetern und ist gefüllt mit einer rund zwei Meter hohen Sandschicht.

Mario Wiedenbein, der das Wasserwerk als Wasserwerksmeister wie seine Westentasche kennt, erklärt: “Der Sand hat eine bestimmte Zusammensetzung und eine definierte Körnung, die genau auf unser Rohwasser zugeschnitten ist. Kein Wasserwerk gleicht darin einem anderen, auch wenn dieselbe Aufbereitungstechnologie zum Einsatz kommt.”

Aufbereitungsstoffe im Einsatz

Zusatzstoff Verwendungszweck Menge in g/m³ (1.000 L)
Aluminiumsulfat Flockenbildung 9
Calciumoxid (Branntkalk) Aufhärtung, Einstellung des pH-Wertes 15
Kohlenstoffdioxid Aufhärtung 10
Chlor Desinfektion 0,35
Chlordioxid Desinfektion 0,20

Das Wasser benötigt etwa zwei Stunden, um die Sandschicht zu durchströmen. Dabei bleiben die Schmutzflocken in den kristallinen Zwischenräumen der Sandkörner hängen und gefiltertes Wasser tritt durch die sogenannten Filterdüsen unterhalb der Sandschicht wieder aus. Pro Filterbecken sind es rund 4.000 Filterdüsen, die in die Reinwasserkammern unterhalb der Sandfilterbecken ragen und bestes Trinkwasser freigeben.

Im Prinzip kann das Wasser jetzt die Reise zum Verbraucher antreten, doch Mario Wiedenbein erläutert: “Bevor das Wasser unser Werk verlässt, härten wir es durch die Zugabe von Kalkwasser und Kohlendioxid geringfügig auf und stellen den sogenannten Gleichgewichts-pH-Wert ein. Das ist notwendig, um die Leitungsnetze zu schonen und eine verbesserte Mischbarkeit mit anderen Wässern zu erreichen, die unsere Kunden teilweise nutzen.” Außerdem wird am Wasserwerksausgang eine geringe Menge Chlordioxid zugegeben, wie es die Trinkwasserverordnung für Oberflächenwasser, das für die Trinkwasserversorgung genutzt wird, vorschreibt. So kann die einwandfreie Qualität auch am Ende der Reise am Wasserhahn des Kunden garantiert werden.

Qualitätskontrolle

Trinkwasseruntersuchung im zertifizierten Labor

Am Wasserwerksausgang treffen wir auf eine Kollegin von Frank Schrader. Romy Kessler nimmt hier wie auch im gesamten Wasserwerk immer wieder Proben, mit denen der Aufbereitungsprozess in seinen verschiedenen Stufen und schließlich die Zusammensetzung des Wassers beim Verlassen des Wasserwerkes kontrolliert werden. „Wir untersuchen im Jahr mehr als 9.000 Wasserproben mit über 150.000 Einzelbestimmungen, damit wir zu jeder Zeit wissen, wie die Ausgangslage im Einzugsgebiet ist, die Aufbereitung verläuft und in welcher Zusammensetzung das Wasser schließlich beim Kunden ankommt.“

Dazu ist eine spezielle Erlaubnis, eine Zertifizierung nach DIN EN 17025:2005 notwendig. Diese muss regelmäßig erneuert werden und gilt aktuell bis zum Jahr 2021.

Neben den Proben aus Talsperre und Wasserwerk werden im weiteren Verlauf auch im Netz immer wieder Stichproben gezogen, um die Wasserqualität zu verfolgen. Außerdem werden Messdaten wie Trübung oder Leitfähigkeit permanent online übermittelt. So darf sich, wer in Sangerhausen demnächst Wasser aus der Leitung zapft, sicher sein, dass das Wasser an der Abgabestation Nienstedt eine letzte Qualitätskontrolle durch die Fernwasserversorgung Elbaue-Ostharz durchlaufen hat.


Alle Messdaten fließen in eine große Datenbank, eine Software bereitet sie auf und wichtige Qualitätsdaten werden elektronisch an die Gesundheitsämter der Landkreise gesendet, die für die Überwachung der Trinkwasserqualität im gesamten Versorgungsgebiet zuständig sind. Außerdem werden die Jahresdurchschnittswerte der Untersuchungen auf der Homepage des Unternehmens veröffentlich und einmal im Jahr im Rahmen eines sogenannten Trinkwasserjahresberichtes publiziert.

Auf dem Weg zum Wasserhahn

Das Leitungsnetz der Fernwasserversorgung Elbaue-Ostharz GmbH

Wenn das Wasser das Wasserwerk Wienrode im Harz verlässt, liegt vor ihm eine zwei- bis dreitägige Reise, bevor es in Sangerhausen aus dem Hahn sprudeln kann. Es fließt vorbei an Thale, Quedlinburg und Ballenstedt bevor es bei Neuplatendorf den Weg Richtung Süden nimmt. Die ein Meter starke Trinkwasserleitung tangiert Hettstedt und Eisleben und zweigt mit kleinerem Durchmesser schließlich bei Osterhausen nach Nienstedt ab.

Die Abgabestation Nienstedt ist ein kleines, unscheinbares Gebäude, in dem das Trinkwasser an den Wasserverband Südharz übergeben wird. Zu diesem Zeitpunkt haben sich verschiedene Werte in der Zusammensetzung des Wassers im Vergleich zum Wasserwerksausgang verändert, denn Trinkwasser ist ein natürliches Produkt. Es lebt, es reagiert und ist auf seiner Reise unterschiedlichen Einflüssen unterworfen. So ist zum Beispiel das Chlordioxid, das zur Desinfektion am Wasserwerksausgang zugesetzt wurde, nahezu verschwunden. Es hat sich in chemischen Reaktionen aufgezehrt und ist kaum noch nachweisbar. Andere sich verändernde Parameter sind zum Beispiel der Sauerstoffgehalt oder die Konzentration verschiedener chemischer Elemente wie Natrium oder Mangan.

Bevor das Wasser nun in Sangerhausen aus dem Hahn sprudeln kann, muss es noch einige Kilometer in der neu errichteten Leitung zurücklegen. Derzeit arbeitet der Wasserverband Südharz auf Hochtouren und möchte den Anschluss an die Abgabestation Nienstedt zum Ende des Monats August realisieren. Wir freuen uns, Sie dann mit Trinkwasser aus dem Wasserwerk Wienrode versorgen zu dürfen.